Es ist wieder so weit, nach ein paar Jahren Pause und zahlreichen Aufführungen von „MARLENE“ im Renaissance Theater gibt es jetzt eine Neufassung des Stücks, welches vor kurzem Premiere feierte. Als großer Marlene Dietrich Fan und Bewunderer, war es für mich natürlich eine besondere Freude mir die neue Inszenierung anzusehen.
Der großartige Sven Ratzke spielt Marlene; ja, ihr habt richtig gelesen, ein Mann spielt Marlene Dietrich. Gerade in Zeiten wie diesen, wo Diskriminierung und starre Rollenbilder immer noch bestehen und uns sowieso vieles in der Welt bewegt, finde ich es um so großartiger, dass das Renaissance Theater Berlin hier ein großartiges Zeichen setzt. Sven Ratzke, der Cabaret Superstar (u.a. „Hedwig and the Angry Inch”, VENUS & MARS) verkörpert Marlene Dietrich in seiner ganz eigenen Interpretation. Das Stück ist in zwei Teilen angelegt und spielt in Marlenes Pariser Wohnung in Paris als Selbstreflexion, die ihre Geschichte rückwirkend vor einer Show erzählt. Das Ganze endet in einem wunderbaren Konzert, in dem Sven Ratzke die klassischen Marlene Songs auf seine ganz eigene Art und Weise anlegt und interpretiert; dabei aber nie die eigentliche Aura von Marlene und Intention der Stücke verliert. Klassische Marlene Songs wie „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“, „Sag mir wo die Blumen sind“ oder „Jonny“ verzaubern einen heute immer noch und schaffen es dabei diese wunderbare Frau und ihre Geschichte auch einem Publikum zugänglich zu machen, dass die Dietrich vielleicht heute nicht ganz so auf dem Schirm hat. Eine besondere Frau der Geschichte, deren Einfluss noch heute wirkt, sei es aufgrund ihres Einsatzes gegen Diskriminierung, das Aufbrechen von Gender-Normen und vor allem ihr Schaffen für die Emanzipation der Frau.
Ich hatte die großartige Möglichkeit mit Sven Ratzke kurz vor der Show zu sprechen und ihm meine drei wichtigsten Fragen rund um das Stück und der Ikone Marlene Dietrich zu stellen.
Welchen Einfluss hat Marlene Dietrich für dich heute noch? Und sollte sie für jüngere Generationen wieder relevanter werden?
Sven Ratzke: Klar, ich denke, dass Marlene Dietrich eine unglaubliche Vorreiterin für sehr viele Themen war: so unter anderem natürlich beim Gender-Thema und Identität, aber auch Mode und das Kreieren eines Images. Auch durch ihre radikalen Entscheidungen, wie Nazi-Deutschland den Rücken zuzukehren, ist sie in dem Sinne für die heutige Zeit immer noch eine große Inspiration. Und ja, sie war eine Vorreiterin, ohne sie wäre vielleicht Marilyn Monroe, Madonna und Lady Gaga erst gar nicht denkbar gewesen. In meinem Genre – dem Chansons und in der Kleinkunst – ist sie natürlich auch ein Blueprint, denn sie steht für dieses verruchte, intime und rätselhafte Cabaret.
Marlene war ihrer Zeit voraus, wie ist dein Blick auf sie als Person?
Sven Ratzke: Das faszinierende an der Person Marlene Dietrich ist ja genau das, dass wir nicht alles hinter der öffentlichen Person wissen. Dies hat uns für unser Stück natürlich sehr interessiert. Sie wird sehr oft dargestellt als die preußische Diva mit ihren Attitüden und als Vamp oder Femme Fatale. Für uns waren Fragen spannend, wie ist der Mensch hinter dieser berühmten Person und wie fühlt dieser, wie einsam ist ein Mensch, der sich am Ende des Lebens 13 Jahre im Bett befindet und der Öffentlichkeit entzieht, harte und radikale Entscheidung trifft? Für die Vorstellung habe ich natürlich sehr viele Bücher gelesen und Marlene dadurch sehr gut „kennengelern“t. Vor allem, was eine 180-prozentige Aufopferung für das „Starsein“ mit sich bringt und man dadurch eigentlich kein Privatleben mehr hat.
Egal ob Frau oder Mann; den Wandel zwischen den Geschlechtern beherrschtet Marlene gekonnt. Ist es für dich daher eine besondere Ehre, sie jetzt verkörpern zu dürfen?
Sven Ratzke: Ja, das ist natürlich eine sehr große Ehre für mich! Es ist auch etwas, was aus mir entstanden ist, aus einem Bedürfnis heraus. Marlene Dietrich ist seine Figur, die für mich all das, was ich schon gemacht habe, miteinander verbindet – sei es David Bowie, Bertolt Brecht und „Hedwig and the Angry Inch“. Es lässt sich sozusagen wie eine große Perlenkette beschreiben und Marlene ist irgendwie der Verschluss. Für mich es ist natürlich eine unglaubliche Herausforderung, weil die Figur sehr klar ist: da ist die Berliner Ikone, die weltbekannteste Deutsche überhaupt. Und hier Berlin gibt es natürlich auch noch die Geschichte der ersten Version dieses Stücks. Ein gigantischer Erfolg mit Judy Winter als Marlene. Aber hier liegt genau das reizvolle, einer Herausforderung zu stellen und sich weiterzuentwickeln. Ich habe nicht so viel Interesse immer wieder dasselbe zu machen, sondern versuche mir Projekte auszudenken, wo es wirklich Herausforderung gibt. Für mich ist es aber auch ganz wichtig eine eigene Interpretation zu schaffen, eine Hommage und nicht zu sehr DIE Marlene Dietrich nachzuspielen. Denn das wäre weder interessant noch ehrenvoll, denn sie war so wunderbar, dies kann man gar nicht nachmachen.
Wer Lust auf einen wundervollen kulturellen Abend mit wirklich viel Geschichte, persönlichen Aspekten und besonderen Momenten einer weltberühmten Schauspielerin, Sängerin und vor allem Ikone erleben will, kann dies noch bis Februar im Renaissance Theater Berlin. Alle Informationen gibt es hier.
Titelbild: Sven Ratzke © Foto Ann-Marie Schwanke Siegersbusch



